Schillers Tell: Europäisches Theater als würdiger Auftakt der Bad Hersfelder Festspiele

von Klaus Scheuer

veröffentlicht bei Osthessen-News

Mit klassischem Stoff, dem Wilhelm Tell von Friedrich Schiller begann am Samstag die sechzigste Spielzeit der Bad Hersfelder Festspiele. Bereits in der Eröffnungsveranstaltung, die am Nachmittag stattgefunden hatte, hob Intendant Holk Freytag das Spannungsfeld zwischen alt und neu hervor, das die Festspiele seit jeher kennzeichne. Altmodisch und damit auf der Höhe der Zeit, so skizzierte er mit den Worten Egon Bahrs seine These. Die sechszigste Spielzeit in Bad Hersfeld ist Holk Freytags erste Spielzeit als Intendant, und er führt Regie in Schillers Tell, im Hinblick auf Freytags Theaterbild ein konsequenter Einstieg auch im Sinne des Themas „Europa“, das sich das Festival im Jubiläumsjahr zu bedenken vorgenommen hat.

 Der „Tell“ ist ein europäisches Stück, und so präsentiert ihn die Inszenierung Holk Freytags. Er beschreibt mit der schweizerischen Eidgenossenschaft eine Keimzelle europäischer Werte und Traditionen in der Moderne, ein Thema, welches in Krisenzeiten aktueller nicht sein könnte. „In welchen Zeiten leben wir?“ – Kein Stück mag so oft zitiert worden sien, wie Schillers Tell, und doch bleiben die so oft bemühten Worte des Schillerschen Textes lebendig in Holk Freytags Inszenierung. In schlichter Ausstattung werden Bühnenbild und Kostüme der dramatischen Ausstrahlung des Spielortes einmal mehr gerecht. Doch dies scheint bereits ein ungeschriebenes Gesetz zu sein in Bad Hersfeld, das kein Regisseur zu übertreten wagt. Umso wirkungsvoller die sparsam gesetzten Akzente, wie das nächtliche Feuer auf dem Rütli oder der alles entscheidende Apfelschuss.

Zudem bietet die Hersfelder Bühne immensen Raum für akustische Bühnengestaltung. Ein klingendes Landschaftsbild malen die „schweizer Blaskapelle“ – natürlich mit Alphorn – und anfänglich die drei Knabensolisten im Bühnenraum verteilt. Was leicht ins Kitschige abgleiten könnte bleibt durch die Schlichtheit der Interpretation authentisch und emotional berührend. Auf der Ebene des Wesentlichen lassen sich wunderbar Assoziationen zu ganz anderen Traditionen herstellen, klingen hier Jazz und dort Balkanmusik durch.
Auch das Spiel der Protagonisten ist zunächst von jener Zurückhaltung und Beschränkung auf Wesentliches gekennzeichnet, die einerseits der Schlichtheit der Charaktere gerecht wird, andererseits jedoch dem Stück in den ersten beiden Akten durchaus einige Längen beschert. Erst mit Tells Familienidyll im dritten Akt nimmt es Tempo auf. Sparsam verwendet lockern komische Elemente die Intensität und Ernsthaftigkeit des Stoffs auf. Hier liegt die wahre Kunst dramatischer Darstellung, etwa in Stefan Recks „Showeinlage“ Gesslers im vierten Akt oder des Freiherrn von Attinghausens Ableben, eine Szene in der Horst Sachtleben in tänzerischer Leichtigkeit Tiefe zu vermitteln mag.
Holk Freytags Tell schafft es, eine Instanz in der aktuellen europäischen Frage abzugeben. Glaubhaft von der ersten bis zur letzten Minute werden täuschende Machtstrukturen entlarft und verbindende Werte herausgestellt. Das Böse grenzt sich von selber aus, wenn man ihm mit Gemeinsinn entgegen tritt, hinweg über alle Standesgrenzen.
Der wahrlich würdige Auftakt des großen Theaterfestivals in seinem sechszigsten Jahr wurde vom Premierenpublikum mit lang anhaltendem und ebenso ehrlichem Applaus bedacht.

StopLookListen

Klaus Scheuers Blog - © 2010.

Fragen

Kontakt