Von Schlager bis Schöngesang – von Jux bis Jazz. Weltpremiere von Carmen – ein deutsches Musical in der Stiftsruine

von Klaus Scheuer

veröffentlicht bei Osthessen-News

In einer Welturaufführung hatte am Mittwoch „Carmen – ein deutsches Musical“ Premiere in der Hersfelder Stiftsruine. Judith Kuckart (Buch und Songtexte) hat eigens für die Festpiele ein deutsches Musical geschaffen, das sich inhaltlich auf die deutsche Nachkriegsgeschichte bezieht, thematisch orientiert an George Bizets Oper zwar, jedoch als eigenständiges Stück. In einer szenisch dargestellten Rückblende inszeniert Regisseur Nico Rabenald die Erinnerungen von Marie (Franziska Weber, Kristin Hölck), dem guten Mädchen, ihrer Liebe zu Jo (Christian Alexander Müller), der sich in der Halbwelt von Carmen (Anna Montanaro) verliert.  Zehn Jahre Nachkriegszeit werden in einem historisch dynamischen Milieu erzählt, in dem alles rasant veränderlich scheint, die Charaktere in ihrem Innersten jedoch stets die Alten bleiben: „Displaced Persons“ von den Alliierten als Menschen am falschen Ort angestempelt, von Krieg und Vertreibung entwurzelt. Nach außen gibt man sich anpassungsfähig und alles andere als fehl am Platze, spielt seinen Part in der sich schnell veränderten Gesellschaft, mutiert vom Schwarzmarkthändler zum Handelsvertreter vom Juristen zum Show Impressario, vom Beamtenanwärter zum Zuhälter. Doch es ändert sich nur die äußere Hülle, die Kostüme, allesamt übrigens historisch sehr detailliert gestaltet (Karin Alberti). Das Innere, die Träume sterben nicht so schnell. Als belebender Kontrapunkt tritt einzig der Mann mit Huhn auf (Livio Cecini), der von Angfang bis Ende standhaft die Revolution ausruft und lautstark nach außen kehrt, was in ihm vorgeht. Auch musikalisch zitiert die Hersfelder Inszenierung Bizets Oper. Komponist Wolfgang Schmidtke hat jedoch zudem ein musikalisch ausgesprochen komplexes und vielschichtiges Werk mit ganz eigener musikalischer Aussagekraft geschaffen. Unumgänglich sind natürlich Anklänge an Bizets Habanera oder das Torrero Lied, klingen sie doch beinahe von selbst im Ohr, wenn man an Carmen denkt. Dennoch es gelingt Schmidtke, diese Zitate ganz der Stilistik des eigenen Werkes anzupassen, ironisch zu wenden, und zu verfremden. Ähnliches geschieht mit historisch musikalischen Assoziationen, wie der Musik Kurt Weills ,dem Nachkriegsschlager oder der amerikanischen Swingmusik: stets ist alles souverän verarbeitet und ineinander verwoben – hohe Anforderungen an Ensemble und Orchester (Christoph Wohlleben, musikalische Leitung), die solistisch wie auch im Ensemble bravourös gemeistert werden. Selten bietet ein Musical wohl ein so breites musikalisches Spektrum, vom Schlager zum Schöngesang, vom musikalischen Jux bis zum Jazz. Hohe Anforderungen aber auch an das Premierenpublikum, das in Nico Rabenalds Inszenierung weniger mit Längen als mit der Dichte der musikalischen und inhaltlichen Reize zu tun hatte. Die Entscheidung fiel am Ende, und sie fiel selten so deutlich: lang anhaltender begeisterter Applaus und Standing Ovations bereiteten der Weltpremiere einen vielversprechenden Start.

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