Sommergäste im kalten Wasser – dritte Premiere in Bad Hersfeld mit Maxim Gorki

von Klaus Scheuer

veröffentlicht bei Osthessen-News

Das Bad Hersfelder Sommerwetter bereitete den „Sommergästen“ in der Stiftsruine einen Sprung ins kalte Wasser: In der Eröffnungsszene schickt Regisseur Jean-Claude Berutti das halbe Ensemble in den Pool, eine aktionsreiche Eröffnung der dritten Hersfelder Premiere der Spielzeit. Maxim Gorkis Stück, weder Drama noch Komödie, sondern schlicht „Szenen“ genannt, skizziert in eben solchen das russische Bürgertum um die Jahrhundertwende, die vorletzte wohlgemerkt, und dennoch im zeitgenössisch europäischen Umfeld noch immer aktuell. Aktionsreich geht es weiter – und farbig. Rudy Sabounghi (Bühne, Kostüme) spart nicht an kräftigen Sommerfarben im monochromen Grau der Stiftsruine und unterstreicht damit die Deplaziertheit jener städtischen Sommergäste auf dem Lande. Hingegen schafft deren farbenreiches Agieren eine ganz eigene Welt, die nur hin und wieder von der Patrouille der Wächter (Günter SchoßböcK, Karsten Kramer) durchbrochen reflektiert und auf den Punkt gebracht wird. Eine in sich geschlossene Welt, in der die Protagonisten gefangen sind, miteinander und doch aneinander vorbei lebend. Die Bilder, Dialoge und Ineraktionen überlagern, vermischen und durchdringen sich, Impulse werden gegeben, aufgegriffen – oder eben gerade nicht. Man verhält sich beliebig, so will es scheinen, jedenfalls im miteinander, doch jeder für sich kämpft ums Überleben, unglücklich verliebt, verschmäht, von Muttersorgen gequält, intellektuell überfordert oder zu Tode gelangweilt. Man kennt sich im Kreise der Sommergäste und ist sich doch fremd, einander und sich selbst, voller Widersprüche und Ungereimtheiten. Sergej (Stefan Reck), Architekt und Ehemann und zugleich stets von seiner Kinderfrau (Franziska Weber) umsorgt, Warwara (Charlotte Sieglin) seine Ehefrau und doch einsam und voller Sehnsucht. Kalerija (Marie Therese Futterknecht) lebt in sich gekehrt auf ihre Malerei und Dichtung konzentriert und lässt sich doch immer wieder aus ihrer Verschlossenheit heraus locken. Marja ist eigentlich längst aus dem Alter heraus, doch sie liebt den viel jüngeren Bruder Warwaras Wlas (Lars Weström) und verbietet sich diese Liebe zugleich. Niemand mag an der Oberfläche des wohl geordneten Zusammenlebens kratzen, Leidenschaften bleiben im Innern jedes Einzelnen verborgen, oder finden hinter schützenden Sonnenschirmen statt. In diesem Spannungsfeld gibt es ebenso viel inneren Spielraum wie in die Hersfelder Bühne äußerlich bietet. Beeindruckend wie sich zwischen den Polen von Schein und Sein spielen lässt, gerade wenn das Spielen, das maskierte Agieren, selbst Teil des Stückes ist. Theater über Theater, Szenen in der Szene. Die Hersfelder „Sommergäste“ ist ein modernes Stück, auch wenn es kein zeitgenössisches Werk ist. Der Widerspruch zwischen Oberfläche und innerem Befinden zeichnet auch die Gesellschaften der europäischen Gegenwart. Es ist eine Momentaufnahme, kein Lehrstück, auch wenn die Inszenierung vielleicht einen möglichen Lösungsweg aufzeigt, und das ganz zu Anfang: ins kalte Wasser springen.

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