Wetterfeste Wiederaufnahme der West Side Story
von Klaus Scheuer
veröffentlicht bei Osthessen-News
Gestern startete die West Side Story in Bad Hersfeld in ihre zweite Spielzeit. Nach dem großen Erfolg im letzten Jahr wurde Mathias Davids Inszenierung in diesem Jahr wieder aufgenommen. Die Erwartung des Bekannten und Bewährten zieht auch beim Publikum natürlich mehr als die Neugier auf das Unbekannte und so fand die Wiederaufnahme vor voll besetzen Rängen statt, wie es auch die Premieren der diesjährigen Spielzeit verdient gehabt hätten.
Auch hinsichtlich des Wetters knüpfte die Wiederaufnahme an die letztjährige Premiere an: hatte sich im letzten Jahr der Beginn wegen heftigen Regens hinaus gezögert, sorgte er dieses Jahr für eine Unterbrechung des Stücks, um den Regenschutz über dem Orchestergraben anzubringen. Beide Male jedoch integrierte das Ensemble die Wetterverhältnisse souverän, nahezu lustvoll in die Choreographie der Tanzszenen, dass das Wasser nur so spritzte.
Das Ensemble blieb gegenüber dem letzten Jahr nahezu unverändert. In der Rolle der “Maria” stand allerdings in diesem Jahr Katharina Schrade auf der Bühne. Sie übernahm keine einfache Aufgabe, denn die Erwartungen lagen nach Leah Delos Santos bravourösem Spiel in der vergangenen Spielzeit hoch. Routiniert und erfrischend zugleich meisterte Schrade die Herausforderung. Mit Christian Alexander Müller diesjährig wie letztjährig in der Rolle des “Tony” teilt sie auch hinreichende Rollenerfahrung aus Chemnitz und Kiel. So zeigten sich Schrade und Müller als aufeinander eingespieltes Team, musikalisch wie schauspielerisch in sensibler Interaktion und dennoch mit deutlichem solistischem Profil.
Das Orchester unter der Leitung von Christoph Wohlleben machte auch in diesem Jahr deutlich, wie sehr sich Leonard Bernsteins Musik manch anderer Musicalproduktion unterscheidet: ein musikalisch ebenso komplexes wie emotional ausdrucksstarkes Werk fordert höchste Konzentration engagiertes Zusammenspiel von jedem einzelnen Musiker, auch in der Interaktion mit den Gesangssolisten. Gefärbt durch Jazz und Lateinamerikanische Musik reichen die musikalischen Wurzeln der West Side Story bis in die europäische Kunstmusik.
Wie im letzten Jahr konnte auch in der Wiederaufnahme Maaike Schuurmanns in der Rolle der “Anita” überzeugen. Ihre Partien übertreffen die der beiden Hauptcharaktere oft an musikalischer Komplexität, wie etwa “America” im ersten und “Taunting” im zweiten Akt. Auch in den Duetten mit “Tony” oder “Maria” erwies sich Schuurmanns durchweg als belebendes Element.
Bleibt Melissa Kings Choreographie zu erwähnen, die von den actionreichen Kampfszenen bis zu sensiblen solistischen Ausdrucksbildern reicht und dabei musikalische und die schauspielerische Ausdrucksebenen meisterhaft miteinander verbindet.
Heinz Hausers Bühnenbild reduziert sich auf zwei dominierende halbrunde Eisengitter, die beweglich in der Bühnenmitte postiert immer wieder aktiv ins Spiel integriert werden, Szenen trennen oder verbinden, umschließen oder zum Publikum hin öffnen. Dass dabei stets das Ensemble selbst Hand anlegt verleiht dem Milieu des Stücks nur noch mehr Glaubwürdigkeit.
Standing Ovations sind auch in Bad Hersfeld nicht alltäglich und Ausdruck besonderen Respekts vor der künstlerischen Gesamtleistung. Gestern konnte man sie in der Stiftsruine zu Recht erleben.






